Filmkritik: Joker

Filmkritik:
Joker

Mit “Joker” leitet DC eine neue Art der Comicbuchverfilmung ein: düster, brutal, intensiv. Joaquin Phoenix liefert mit seiner Performance als Arthur Fleck alias der Joker einen Einblick in die Psyche eines schwer verstörten Mannes, der sich nichts sehnlicher wünscht, als von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. “My mother always tells me to smile and put on a happy face…” – Arthur Fleck.

4.5 von 5 Popcorntüten

Die Handlung von “Joker”

Für immer allein in der Menge sucht Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) nach Anschluss. Doch während er die verrußten Straßen von Gotham City durchstreift und mit den graffitiverschmierten Zügen des Transitverkehrs durch eine feindselige Stadt voller Spaltung und Unzufriedenheit fährt, trägt Arthur zwei Masken. Die eine malt er sich täglich für seine Arbeit als Clown auf. Die andere kann er niemals ablegen; sie ist die Verkleidung, die er trägt, in seinem vergeblichen Versuch, sich als Teil der Welt um ihn herum zu fühlen und nicht wie der missverstandene Mann, den das Leben immer wieder niederstreckt. Aufgewachsen ohne Vater, hat Arthur eine zerbrechliche Mutter, zweifellos seine beste Freundin, die ihm den Kosenamen Happy gab. Dieser Spitzname brachte in Arthur ein Lächeln hervor, das allen Schmerz dahinter zu verbergen weiß. Doch jedes Mal, wenn er von Teenagern auf der Straße drangsaliert, von Anzugträgern in der U-Bahn verspottet oder einfach nur von seinen Arbeitskollegen gehänselt wird, entfernt sich der soziale Außenseiter einen Schritt weiter von seinen Mitmenschen.

Joker ab 10. Oktober 2019 im Kino

Mein Fazit

Düster, finsterer, “Joker”! Todd Phillips‘ (“War Dogs”, 2016) Charakterstudie über den wohl bekanntesten DC-Schurken ist definitiv nichts für Menschen leicht besaitete Menschen. Brutal, schonungslos, zerrüttend. Joaquin Phoenix (“A Beautiful Day“, 2018) porträtiert mit Arthur Fleck einen Mann abseits der Gesellschaft. Auf der Suche nach seinem persönlichen Glück bewegt er sich in einen unaufhaltsame Abwärtsspirale, die nicht nur sein Leben für immer verändern wird, sondern auch in den Bewohnern von Gotham City ein gewisses Bewusstsein hervorruft, das letztlich zur völligen Eskalation führt.

Put on a happy face

Phillips’ arbeitet in seinem Crimedrama geradezu mit perfiden Mitteln. Denn direkt zu Beginn der Geschichte wird Arthur Fleck als Opfer der Gesellschaft inszeniert, sodass der Zuschauer eine bemitleidende Beziehung zu dem klapperdürren Mann aufbaut, der als Clown verkleidet sein täglich Brot verdient. Mit seinem geringen Einkommen muss aber nicht nur er auskommen, sondern auch seine Mutter, die er hegt und pflegt. Fleck gewinnt dadurch beim Zuschauer an Sympathie und weckt mehr noch den Beschützerinstinkt beim Publikum. Selbst als er das erste Mal die Kontrolle über sich selbst verliert, hat der Zuschauer Verständnis für ihn. Und so wundert man sich auch nicht, dass die untere Gesellschaft Gothams ebenso fühlt. Doch ihn als Vorbild sehen? So langsam beginnt die Fassade zur bröckeln. Durch eine Mischung als Fantasie und Wahrheit gelingt es Philipps’ jedoch das Publikum schnell wieder auf die Seite von Fleck zu ziehen. Warum wird dieser Mann nur so behandelt? Ausgelacht? Gedemütigt?

© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & © DC Comics

Joaquin Phoenix ist Arthur Fleck

Der Wahnsinn hat einen Namen! Phoenix liefert mit seiner Interpretation des Arthur Flecks alias der Joker eine oscarreife Performance ab. Schließlich ist diese das Schlüsselelement, um den Zuschauer wie eben beschrieben in seinen Bann zu ziehen. Phoenix gelingt es einen Mann zu zeichnen, den man in erster Linie bedauert. Das Publikum möchte mehr über ihn erfahren. Es möchte mit ihm auf die Spuren seiner Vergangenheit gehen und plötzlich bleibt es völlig verstört zurück. Aus Sympathie wird Antipathie. Aus Verständnis wird absolute Fassungslosigkeit. Und letztendlich beginnt man an sich selbst zu zweifeln.

Joker
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Mehr als eine Charakterstudie

Schließlich ist “Joker” mehr als nur eine Charakterstudie. Es ist vielmehr eine Gesellschaftsstudie, die ein mehr als düsteres Licht auf die Bewohner Gothams, auf uns alle wirft. “Joker” lässt den Zuschauer alles andere als kalt. Durch den geschickten Aufbau der Geschichte, durch die enge an die Person des Arthur Fleck mit der Kamera und der dadurch intensiven Bindung, die das Publikum zu ihm aufbaut, wird dieses intensiv an alle Entwicklungen der Figur und an die Reaktionen der Gesellschaft auf ihn gebunden. Letztlich verlässt man den Film mit einem drückenden vielleicht sogar erdrückenden Gefühl. Spätestens, wenn man nach Filmende noch den Abspann mit der ergreifenden Musik von Hildur Guðnadóttir (“Maria Magdalena“, 2018) auf sich wirken lässt.

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Eskalation

Kritisieren könnte man dennoch, dass die gesellschaftliche Eskalation nicht 100 % nachvollziehbar ist. Die Ausschnitte, die Phillips von Gotham fern von Fleck zeigt, sind sehr rar und damit vielleicht etwas zu wenig gesät. Schließlich beginnt er bei der Entwicklung des Jokers bei null und setzt die Stimmung in Gotham City eher als bekannt gegeben voraus. Zwar wird deutlich, wie die Bürger von Jokers Handeln beeinflusst wird, jedoch wirkt eine derartige Zuspitzung der Ereignisse doch etwas überraschend und überzogen daher.

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Zwischen Wahnsinn & Verzweiflung

“Joker” zeigt eine wilde Achterbahnfahrt der Psyche eines kranken Mannes, die nur eine Richtung kennt: unten. Damit ist “Joker” alles andere als ein “Happy Film”. Er ist aufwühlend, verstörend, deprimierend und damit sicherlich kein Film, den man sich gut und gerne gleich zweimal hintereinander angucken mag. Stattdessen lässt er einen sprachlos und in seinen Gedanken verloren zurück. Er ist intensiv, impulsiv und beeindruckend. Phillips wirft vielleicht kein neues, aber ein klareres Licht auf den Schurken hinter der Clownsschminke und gibt damit neue Einblicke in dessen Leben. Die düstere Optik, der Look von Kostüm und Maske sowie die Musik und die eindrucksvollen Kameraaufnahmen runden die Geschichte perfekt ab. Damit setzt DC einen neuen Standard in der Welt der Comicbuchverfilmungen. Einen düsteren, brutaleren, den ein ganz neues Publikum erreichen könnte.

“Joker” ab 10. Oktober 2019 im Kino.

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