Serienkritik zu "The Pier - Die Fremde Seite der Liebe"

Serienkritik zu “The Pier – Die Fremde Seite der Liebe”

Kann man zwei Menschen gleichzeitig Lieben? Als Oscar die wilde Verónica kennenlernt, baut er sich mit ihr ein zweites Leben mit der spanischen Schönheit auf, während seine Ehefrau nichts davon ahnt. Acht Jahre später wählt er den Freitod. Doch war es wirklich Selbstmord? In “The Pier – Die Fremde Seite der Liebe” erzählt Álex Pina die Geschichte dieser ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung und rüttelt dabei an dem Grundgerüst der moralischen Wertvorstellungen. 

4.5 von 5 Popcorntüten

Die Handlung von “The Pier”

In „The Pier“ sieht sich die bekannte Architektin Alejandra “Alex” (Verónica Sánchez) ihrem schlimmsten Albtraum gegenüber, als sie vom örtlichen Polizisten Conrado angerufen wird, um die Leiche ihres Mannes Oscar(Álvaro Morte) zu identifizieren, der auf einem Pier in der wunderschönen Albufera-Landschaft außerhalb von Valencia gefunden wurde. Selbstmord? Wie kann es sein, wenn sie noch vor wenigen Stunden Pläne für ihre Zukunft gemacht hatten? Aber es wird noch schlimmer: Oscar führte ein Doppelleben mit einer anderen Frau namens Verónica (Irene Arcos). Wer ist diese Frau, und wer war der Mann, den sie 15 Jahre lang geliebt hat? Und was ist in dieser tödlichen Nacht auf dem Pier passiert? Alex nimmt eine falsche Identität an, begibt sich zu Verónica und geht den Geheimnissen auf den Grund, die ihr verschiedener Ehemann vor ihr verborgen hat. Bald hinterfragt sie, wer, in der bezaubernden Abgeschiedenheit der Albufera, Freund und wer Feind ist. Obwohl Alejandra Verónica gerne hassen würde, entdeckt sie eine verführerische Frau, die ein verlockendes Leben führt, das sich von ihrem eigenen Leben sehr unterscheidet. Aber wird das Band, das sie durch Óscars Tod verbindet, den Moment überleben, in dem Alex ihre wahre Identität preisgeben muss? Oder kann sich eine noch engere Verbindung entwickeln, die Alex und Verónica die Kraft gibt, die ganze Wahrheit gemeinsam aufzudecken?

"The Pier - Die Fremde Seite der Liebe"

Die erste Staffel

In “The Pier” treffen zwei Frauen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die kontrollierte, erfolgreiche Alejandra und die freie, lebensfrohe Verónica. Doch sie haben eins gemeinsam: Sie liebten den gleichen Mann. Und beide wurden von ihm geliebt, oder nicht? Als Álex von der zweiten Frau erfährt, bricht für sie ihre Welt zusammen. Sie steht vor den Scherbenhaufen ihres Lebens. Ihr Vorzeigemann ein Ehebrecher!? Wie kann das sein? Voller Wut macht sie sich auf den Weg die zweite Frau damit zu konfrontieren, doch als sie ihr letztlich gegenüber steht, überwiegt die Neugier: Wer ist dieser Frau? Wie hat ihr Mann hier gelebt? Was hat er noch vor ihr verheimlicht? Hals über Kopf beschließt Álex eine geheime Identität anzunehmen, um so die Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Nach und nach wird ihr klar, was Oscar an dieser Frau und diesem Ort gefunden hat. Sie versprühen Freiheit, Lebensfreude und Gelassenheit. Sie ist glücklich. Doch wie lange kann ihr Lügengebilde standhalten? Schließlich weiß Vero alles über Oscars Frau. Nur nicht, wie sie aussieht…

Der, der man zu sein scheint

In “The  Pier” wird nach und nach das zweite Leben von Oscar aufgedeckt. Ein Leben voller Lügen aber auch voller Leidenschaft und Liebe. Doch kann man wirklich zwei Frauen gleichzeitig Lieben? So sehr, dass man sich nicht für eine entscheiden kann? Zwei Leben führen, wobei eine Frau von seinem Doppelleben weiß und die andere völlig im Blinden tappt? “The Pier” wirft hier verschiedene moralische Fragen auf, die sich nicht nur der Zuschauer gegenüber sieht, sondern vor allem auch Álex. Sie beginnt zu verstehen, was Oscar dazu gebracht hat diesen Weg zu gehen, aber bedeutet das, das sein Verhalten auch “richtig” sein konnte? Dabei beginnt Álex auch zu hinterfragen, wer sie eigentlich ist. Sie entdeckt eine völlig neue Seite von sich und beginnt nicht nur ihr Leben mit Oscar, sondern auch sich selbst infrage zu stellen.

"The Pier - Die Fremde Seite der Liebe"
© MARIA HERAS

Die zweite und finale Staffel

Wer von der ersten Staffel begeistert ist, der muss sich unbedingt auch die zweite Staffel angucken. Denn während in der ersten Staffel insbesondere Álex zu sich selbst findet, wird in der Fortsetzung deutlich, dass auch Vero ihr Leben nicht wirklich so geführt hat, wie sie vorgab sich es zu wünschen. Acht Jahre lang gab sie vor, dass es ihr nichts ausmache, dass Oscar ein zweites Leben führt, das nichts mit ihr zu tun hat. Jetzt wird ihr jedoch bewusst, dass dies auch etwas mit ihr gemacht hat. Sie sehnt sich nach einem Menschen, der ganz zu ihr gehört. Plötzlich werden die Rollen der Frauen verdreht. Während Vero sich als Betrogene fühlt, sehnt sich Álex nach Freiheit, Sex und Leidenschaft ohne Schuldgefühle. Doch bevor sich die Frauen wirklich auf ein neues Leben einlassen können, müssen sie erst einmal den Tod von Oscar aufdecken. War es vielleicht doch Mord? Ein drittes Leben, von dem keiner der beiden Frauen wusste, kommt an die Oberfläche. Wer war nur dieser Mann nur, den die Frauen all die Jahre innig geliebt haben!?

Zwischen Leidenschaft, Liebe und Schuldgefühlen

“The Pier” erzählt mehr als nur eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Die Drama-Mysteryserie erzählt von Freiheit, Verlangen, Lust, Familie, Liebe aber auch von Verrat, Missgunst, Ausbeutung, Zweifel, Betrug, Verzweiflung und kriminellen Machenschaften. Damit hat der spanische Autor und Produzent Álex Pina (“Haus des Geldes”, 2017-) eine der erfolgreichsten europäischen TV-Produktionen geschaffen, die mit nur insgesamt 16 Folgen eine runde, sehenswerte Geschichte erzählt. Dabei schließt die zweite Staffel nahtlos an die erste an, schlägt dabei aber ganz deutlich eine neue Richtung ein. Ein wunderbarer Twist, der die einzelnen Charaktere nur noch spannender macht und der Geschichte noch mehr Gewicht verleiht.

"The Pier - Die Fremde Seite der Liebe"
© MARIA HERAS

Der Mann und die zwei Frauen

Mit der Besetzung von Álvaro Morte als Oscar hat Pina nach “Haus des Geldes” Morte erneut zur Hauptfigur seiner Geschichte gemacht und dass, obwohl Oscar während der gesamten Spielzeit von “The Pier” bereits verstorben ist. Schließlich dreht es sich bis zur Auflösung um seinen rätselhaften Tod fast alles um Oscar. Doch wie schafft es dieser Mann eine Dreiecksbeziehung acht Jahre lang aufrecht zu halten? Dass die Frauen Oscar verfallen sind, wird unweigerlich über die Laufzeit in Bild aber vor allen im Ton deutlich. Beide Frauen schwärmen davon, was für ein Vorzeige-Ehemann, -Liebhaber und -Familienmensch er doch war. Denn wenn Oscar bei einer der zwei Frauen war, dann war er dort zu 100 %. Aber auch seine Abhängigkeit zu den zwei Frauen wird deutlich. Beide Frauen sind verführerisch und versprühen ihre ganz eigene Anziehungskraft. Verónica Sánchez porträtiert als Alejandra eine erfolgreiche aber liebenswerte Karrierefrau, die ihrem Mann bedingungslos vertraut. Dem gegenüber steht diese unbezwingbare Naturgewalt in Form von Irene Arcos als Verónica, die mit ihrer Sicht auf das Leben und ihrem Sexappeal vermutlich jeden Mann um den Finger wickeln könnte. Die drei bilden ein eindrucksvolles Dreiergespann, das eindrucksvoll miteinander agiert und damit dem Zuschauer glaubhaft ihre Liebesgeschichte erzählen.

"The Pier - Die Fremde Seite der Liebe"
© MARIA HERAS

Die Nebenfiguren

Zugegeben, “The Pier” würde vermutlich auch ohne die bzw. ohne die genauere Ergründung der vielen Nebenfiguren funktionieren, liegt doch der Fokus der Geschichte ganz klar auf Alejandra und Verónica. Nur wenige Figuren wie etwa Conrado (Roberto Enríquez) oder Fran (Miquel Fernández) helfen dabei das große Mysterium um Oscars Tod aufzudecken und steuern damit zur Hauptstory effektiv bei, jedoch werden durch sie sowie viele andere Nebenfiguren weitere moralische Fragen aufgerufen und Wertevorstellungen der agierenden Figuren sowie des Publikums ins Wanken gebracht. Dabei ist es geradezu beeindruckend, dass die Serie nicht völlig überladen wirkt. Da der Fokus von “The Pier” genau darauf liegt, Prinzipien, Grundsätze infrage zu stellen, fügen sich die einzigartigen Figuren nahtlos ins Gesamtbild ein. Darüber hinaus sind viele davon so liebenswert, dass man sie als Zuschauer gar nicht missen möchte. Insbesondere Álex beste Freundin Katia (Marta Milans) ist durch ihre Art aber auch ihrer eigenen Geschichte eine wahre Bereicherung. Einzig Alejandras Mutter Blanca (Cecilia Roth), die einen Roman über Álex Schicksal schreiben muss, wirkt dann doch etwas zu viel des Guten.

"The Pier - Die Fremde Seite der Liebe"
© MARIA HERAS

Mein Fazit

“The Pier” ist eine absolut sehenswerte Serie, die einen fesselt, begeistert und in seinen Grundwerten erschüttert. Die Produktion erweckt mit seinem spanischen Flair und Setting sowie seiner Geschichte in einem die Sehnsucht nach Freiheit, Gelassenheit und dem Wunsch nach mehr Individualität ohne von anderen dafür verurteilt zu werden. Die Serie zeigt aber auch auf, dass alles seinen Preis hat. Zumindest immer dann, wenn nicht alle mit in die Entscheidung eines Einzelnen eingebunden werden und stattdessen ein Leben auf Lügen aufgebaut wird. Damit sendet Pina wichtige Botschaften aus, die zum Nachdenken anregen. Darüber hinaus erzählt er die Geschichte von Oscar und seinen zwei Frauen aber auch auf eine überaus spannende Art und Weise. Die Aufklärung der Ereignisse durch Rückblicke, echten Erzählungen und Entdeckungen ergeben einen guten Mix, der dem Zuschauer einen erhabenen Blick auf die Dinge gibt, sie aber nicht weniger aufregend als für die agierenden Figuren macht. Dazu kommt eine gehörige Portion Sex, die natürlich in dieser Serie nicht zu kurz kommt, ein ganz eigener Humor und aufregende Charakterentwicklungen, die für die ein oder andere Überraschung sorgen. Ganz zum Schluss bleibt die Frage: “Kann man gleichzeitig zwei Menschen lieben?”

“The Pier” ab dem 01. Oktober 2020 als Gesamtausgabe auf DVD, Blu-ray und als VoD.*

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